Hufrehe, Weide und Fruktan

Alljährlich beginnt spätestens mit Beginn der Weidesaison die Unsicherheit bei vielen Pferdebesitzern, ob sie ihren Pferden nun einen Aufenthalt auf der Weide gönnen können oder besser nicht.

Alle Pferde mit chronischer Hufrehe, alle die bereits einmal einen akuten Reheanfall hatten sowie sämtliche leichtfuttrige Pferde sind besonders gefährdet.

Zunächst ein kleiner Ausflug in die Verdauungsphysiologie des Pferdes.

Kohlenhydrate können im Verdauungstrakt des Pferdes auf zwei Arten verdaut werden.

Die schwerverdaulichen und langkettigen Kohlenhydrate (in Pflanzen Cellulose und Pektin) gelangen bis in Blinddarm und Dickdarm und werden von den hier angesiedelten Bakterien fermentiert, so dass sie in kleine Teile zerlegt vom Darm resorbiert werden können. Die dafür notwendigen Bakterien sind hochspezialisiert und reagieren sehr empfindlich auf jede Futterumstellung.
(Deshalb müssen Futterumstellungen grundsätzlich langsam erfolgen und auch das langsame Anweiden liegt hierin begründet)

Leicht verdauliche Kohlenhydrate werden beim Pferd in Magen und Dünndarm aufgenommen.

Welche Probleme können beim Gras fressen auftreten?

Szenario Nr. 1: Es werden zu viele leicht verdauliche Kohlenhydrate aufgenommen.

Magen und Dünndarm sind mit der Aufnahme überfordert, so dass die Kohlenhydrate bis in den Dickdarm gelangen, wo sie zu einer Übersäuerung führen. Die hier normalerweise vorhandenen Bakterien können in dem sauren Milieu nicht leben und gehen zugrunde. Aus ihren Zellwänden werden sog. Endotoxine freigesetzt – Giftstoffe, die die Darmwand passieren können und so ins Blut gelangen. Am Ende einer weiteren Reaktionskaskade, die noch teilweise unbekannt ist, kommt es schließlich zu einer Minderdurchblutung im Bereich der Huflederhaut.

Ein akuter Hufreheanfall kann innerhalb von 48 Stunden entstehen

Szenario Nr. 2: Es werden geringe Mengen eines Kohlenhydrates aufgenommen, das im Dünndarm des Pferdes gar nicht verarbeitet werden kann. Hierzu gehört das Fruktan.

Wieder entsteht eine Übersäuerung des Dickdarms mit einem Absterben der normalen Bakterienflora. Auch hier gelangen Endotoxine ins Blut und können letztlich eine Hufrehe auslösen.

Woher stammt Fruktan?

Fruktan ist ein wasserlösliches Zuckermolekül, und kommt in nahezu allen Gräsern vor. Er dient Pflanzen als Energiezwischenspeicher, aber auch als Frostschutz. Der zweite Energiespeicherstoff, den Pflanzen verwenden ist Stärke. Sie wird vorrangig in den Blättern gespeichert, aber auch in Samen und Früchten. Fruktane hingegen finden sich im Stängel und in der Wurzel.

Blütenstände haben die höchste Konzentration an leicht verdaulichen Kohlenhydraten, sie schmecken besonders süß und werden deshalb bevorzugt gefressen. (rechtzeitig mähen!)

Der Fruktangehalt schwankt sehr stark je nach Tag bzw. Tageszeit und zwar innerhalb weniger Stunden.

Pflanzen gewinnen Energie durch Photosynthese, sind also auf Sonnenlicht dafür angewiesen. An sonnigen Tagen, entsteht so sehr viel Energie. Ist es gleichzeitig warm und ausreichend feucht, wird diese Energie zum Wachstum genutzt. Ist es kalt oder zu trocken, wird die Energie zunächst gespeichert – der Fruktangehalt der Gräser steigt an.

Also vereinfacht:

wenig Sonne und warm = wenig Energie, dennoch Wachstum = geringer Fruktangehalt
-> geringe Rehegefahr

viel Sonne und warm = viel Energie, die aber zum Wachstum gebraucht wird = Fruktan wird abgebaut
-> mäßige Rehegefahr

kaltes Wetter und schöner sonniger Tag = viel Energie, wenig Wachstum = viel Fruktan
–>  sehr hohe Rehegefahr

In Nächten mit >5°C wird das Fruktan über Nacht durch Wachstum abgebaut, morgens sind die Gehalte also sehr niedrig.

Saisonal wurden die höchsten Werte im Mai sowie im Oktober / November gemessen.

Wie bereits oben gesagt, ist der Fruktangehalt in den Halmen und Stängeln am höchsten. Auf einer stark abgeweideten Fläche oder auch nach dem Abmähen, fressen die Pferde also mehr Pflanzenbestandteile mit hohem Fruktangehalt.

Eine satte hohe Wiese wiederum führt leicht dazu, dass die Pferde insgesamt zuviel Kohlenhydrate zu sich nehmen und dadurch die Rehegefahr steigt, auch ohne Beteiligung von Fruktan.

Weidemanagement

Neben diesen nicht oder schwer zu beeinflussenden Faktoren, kann man mit der richtigen Weidepflege, das Risiko stark senken.

Ein wichtiger Aspekt ist die Grassorte. Ausgerechnet Deutsches und Welsches Weidelgras, die beiden Hauptgräser in herkömmlichen Saatmischungen für Rinderweiden, haben einen sehr hohen Fruktangehalt. Rotschwingel, Wiesenlieschgras und Wiesenfuchsschwanz hingegen haben einen niedrigeren Gehalt. Zur Nachsaat oder beim Neuanlegen von Pferdeweiden sollten also unbedingt spezielle Pferdeweidemischungen verwendet werden.
Wildgräser und Kräutermischungen haben ebenfalls einen niedrigen Fruktangehalt.

Die Landwirtschaftskammer Niedersachsen empfiehlt die Standardmischung G1 mit

10% Deutsches Weidelgras
47% Wiesenschwingel
17% Wiesenlieschgras
10% Wiesenrispe
10% Rotschwingel
6% Weißklee

Allerdings ist diese Mischung weniger trittfest, als Mischungen mit höherem Weidelgrasanteil. Entstehen ständig Verletzungen der Grasnarbe, können sich hier sehr leicht unerwünschte Pflanzen ansiedeln.

Fruktan wird durch trocknen nicht abgebaut, befindet sich also auch im Heu

Allerdings muß man dazu erwähnen, dass zur Zeit nicht klar ist, ob hier wirklich gesundheitsgefährdende Mengen unter realistischen Bedingungen aufgenommen werden.

Nach den oben beschriebenen Gesetzmäßigkeiten ist davon auszugehen, das nachmittags oder abends geschnittenes Heu weniger Fruktan enthält, als wenn es an einem sonnigen Tag über Mittag gemäht wird.
Tests bieten neuerdings übrigens auch hier die Landwirtschaftkammern an.

Wer ganz sicher sein möchte, kann ausnutzen, dass Fruktan wasserlöslich ist. Durch Einweichen von mindestens einer Stunde, kann ein Teil des Fruktans herausgewaschen werden.

Was kann man sonst noch tun um das Risiko einer Hufrehe auf der Weide zu senken?

Wichtig ist ein besonders sorgfältiges Anweiden von gefährdeten Pferden. Zunächst nur etwa fünf Minuten an der Hand grasen lassen, wenn das gut vertragen wird schließlich mehrfach am Tag fünf Minuten usw.

Bevor Pferde auf die Weide gelassen werden, sollten sie generell Gelegenheit gehabt haben, ausgiebig Heu zu fressen. So kann die Grasaufnahme auch bei schöner Weide reduziert werden.

Daneben gibt es die Möglichkeit, eine Fressbremse zu verwenden, die die Grasaufnahme reduziert.

Ebenfalls auf dem Markt sind Mittel, die Kohlenhydrate im Darm des Pferdes binden sollen und so helfen können, einer Rehe vorzubeugen. Noch gibt es keine großen Studien über die Wirksamkeit, also wird sich wohl jeder selbst eine Meinung über diese sehr teuren Präparate bilden müssen.

Die Hufgesundheit seines Pferdes kann man zusätzlich kontrollieren, indem man regelmäßig die Pulsation der Mittelfußarterie fühlt. Gibt es hier Veränderungen, sollte man vorsichtig sein, die Weide wieder begrenzen oder ggf. auch den Tierarzt um Rat fragen.

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