Verhaltensprobleme beim Pferd – Koppen, Weben und andere Stereotypien

Zuerst einmal die Begriffserklärungen:

Verhaltensstörungen sind Verhaltensmuster, die vom Normalverhalten des Pferdes abweichen und bei Wildpferden oder unter seminatürlichen Bedingungen gehaltenen Hauspferden nicht auftreten. Hierzu gehören u.a. die Stereotypien.

Unbedingt unterschieden werden muß eine echte Verhaltensstörung von unerwünschtem Verhalten – also einem Verhalten, das zwar für Pferde typisch ist, aber uns als Mensch stört.

Stereotypien sind sich nahezu identisch wiederholende Verhaltensmuster ohne erkennbare Funktion.

Beim Pferd gehören hierzu v.a. Koppen, Zungenspielen, Weben sowie bestimmte Formen des Headshaking

Früher hielt man das für Untugenden des Pferdes, was eine moralische Wertung enthält. Das Pferd ist selbst an dieser Verhaltensabweichung schuld. Nachdem heute aber bekannt ist, dass dieses Verhalten ursächlich auf nicht pferdegerechte Haltung zurückzuführen ist, sollte der Begriff vermieden werden. [Zeitler-Feicht 2008]

Koppen:

Beim Koppen wird der Kehlkopf herabgezogen, mit Hilfe der unteren Halsmuskulatur wird der Schlundkopf geöffnet und Luft in die Speiseröhre gezogen. Zu hören ist ein dumpfer, gurgelnder Ton.

Man unterscheidet Aufsetzkoppen und Freikoppen, wobei das Aufsetzkoppen die weitaus häufigste Form ist.

Die Vorderkante der Schneidezähne werden auf die Boxenwand o.ä. aufgesetzt und der Kopf gegen den Wiederstand gepresst, so dass die Halsmuskeln angespannt werden.

Durch Abnutzung der Zähne entsteht auf Dauer das sogenannte Koppergebiß

Beim Freikoppen wird der Kopf gegen die Brust abgebeugt, ohne dass die Zähne irgendwo abgestützt werden.

Eine englische Studie hat gezeigt, dass diese Pferde oft Magengeschwüre sowie Magenschleimhautentzündungen haben. Nach einer Behandlung der Magenerkrankung wird das Koppen weniger. Es sollte also unbedingt eine Endoskopie ausgeführt werden.

Häufig findet sich im Internet die Behauptung, die Magengeschwüre würden durch das Luftabschlucken ausgelöst weshalb das Koppen unterbunden werden muß.
Diese Studie sagt aber tatsächlich nichts über einen kausalen Zusammenhang aus. Es ist also durchaus vorstellbar, dass die Magenerkrankung das Koppen begünstigt und nicht das Koppen die Magenerkrankung! Noch gibt es keine wissenschaftlichen Beweise für die eine oder andere Theorie, allerdings laufen mehrere Studien, die hoffentlich bald Ergebnisse liefern werden.

Weben:

httpv://www.youtube.com/watch?v=CJs4En8MPG4

Die Pferde wiegen den Vorderkörper hin und her bei gespreizten Vorderbeinen. Der Kopf schwingt dabei mehr oder weniger stark mit.

Normalerweise wird diese Bewegung nur in der Box ausgeführt, häufig auch vor einem kleinen Fenster. Hier in dem Video auch die furchtbar vergitterte Box gut zu sehen, die keinen direkten Kontakt zum Nachbarpferd ermöglicht.

Man vermutet, das hinter dieser Zwangsstörung ähnliche Ursachen stehen, wie hinter dem sehr ähnlichen Hospitalismus beim Menschen – also letzlich schwere Frustration aufgrund von Bewegungsmangel und fehlenden Sozialkontakten.

Ursachen und Auslöser:

Auslöser sind häufig einschneidende Erlebnisse im Leben des jungen Pferdes wie das Absetzen von der Mutterstute, abrupter Trainingsbeginn oder eine plötzliche Haltungsänderung. Möglich ist es auch, dass eine krankheitsbedingte Isolation und Boxenruhe die Entstehung einer Stereotypie verursacht.

Später kann dieses Verhalten durch viele kleine Auslöser, die dem Pferd Stress bereiten und schließlich auch ganz ohne erkennbaren Auslöser ausgeführt werden – man spricht von residual-aktivem Verhalten.

Warum aber entwickelt das eine Pferd eine Stereotypie das andere aber nicht?

Die oben genannten Auslöser kommen mehr oder weniger in jedem Pferdeleben vor. Warum besitzt nun das eine Pferd die Möglichkeit damit umzugehen und ein anderes entwickelt eine Verhaltensstörung?

Zuerst mal sind die allgemeinen Haltungsbedingungen zu nennen. Begünstigend sind wenig Sozialkontakte, kein oder wenig Koppelgang, wenig Heu sowie kurze Fresszeiten und keine Stroheinstreu.

Daneben hat eine Studie an Vollblütern ein familiär gehäuftes Aufkommen gezeigt, also gibt es offensichtlich auch eine genetische Prädisposition.

Welche Aufgabe erfüllt nun dieses Verhalten?

Auch wenn Stereotypien per definitionem über keine Funktion verfügen, kann man davon ausgehen, dass sie der Anpassung an nicht optimale Haltungsbedingungen dienen und den Stress für das Pferd reduzieren helfen.
Bei Koppern konnte gezeigt werden, dass sie während des Koppens eine niedrigere Herzfrequenz haben, ihr Stresslevel also sinkt. Werden sie am Koppen gehindert, steigt die Konzentration des Stresshormons Cortisol.

Pferde die Stereotypien zeigen, dürfen also keinesfalls einfach an der Ausführung dieses Verhaltens gehindert werden!

Folgen:

Im Zusammenhang mit Stereotypien wird immer an gesundheitliche Risiken und Leistungsminderung gedacht. In verschiedenen Studien konnte das wissenschaftlich so allgemein nicht bestätigt werden. Es sind einzelne Ausnahmen möglich, aber im Allgemeinen besteht keine Gesundheitsgefährdung.

Pferde die Koppen, haben ein erhöhtes Risiko auch an Koliken zu leiden, aber ein ursächlicher Zusammenhang mit der abgeschluckten Luft konnte bisher nicht nachgewiesen werden.

Vielmehr sollte man davon ausgehen, dass Tiere, die unter Stress leiden, dadurch natürlich anfälliger für jegliche Erkrankungen werden. Es gilt also alles daran zu setzen, diesen Pferden zu einem ausgeglicheneren Leben zu verhelfen.

Ein nicht zu verachtender Aspekt ist, dass viele meinen, Koppen sei ‘ansteckend’ und es dadurch Schwierigkeiten geben kann, einen geeigneten Einstellplatz zu finden. Tatsächlich ist es häufig so, dass es in einem Stall gleich mehrere Pferde gibt, die die gleiche Stereotypie ausführen. Ein Pferd schaut es sich vom anderen ab – und alle leiden ja unter den gleichen ungünstigen Haltungsbedingungen.
Bei einer wirklich pferdegerechten Haltung ist es unwahrscheinlich, dass andere Pferde dieses Verhalten übernehmen.

Therapie:

Eine neu auftretende Stereotypie sollte als Zeichen gesehen werden, dass das Tier mit etwas, das wir ihm Zumuten, absolut überfordert ist und wir ihm helfen müssen. Pferde brauchen in ihrem Leben Abwechslung, Spass und Bewegung. Leider herrscht in vielen Ställen Langeweile während der endlosen Stehzeiten in der Box vor.

Stressfaktoren können sein:

-          Zu wenige Sozialkontakte

-          Mangelnde Bewegung

-          Reizverarmung

-          Zu kurze Fresszeiten

-          Zu wenig Platz

-          Fehlende Hierarchie: Pferde brauchen eine klare Rangordnung, sowohl zu Artgenossen als auch zum Menschen

-          Sexuelle Frustration (v.a. bei Hengsten)

1. Haltung optimieren, Haltung optimieren, Haltung optimieren!

Freßzeiten können durch die Verwendung von Sparraufen verlängert werden und auch durch engmaschige Heunetze.
Kraftfutter sollte in möglichst vielen kleinen Rationen gegeben werden.
Stroheinstreu sorgt dafür, dass in der langweiligen Box wenigstens immer etwas zu Knabbern bereitliegt.

Freie Bewegung auf der Weide oder Koppel gemeinsam mit passenden Kumpels – und zwar am Besten so lange wie möglich. Optimal wäre natürlich ein gut geführter Aktiv-Laufstall / Offenstall.

Allerdings wird man sich damit abfinden müssen, wenn eine Verhaltensstörung lange besteht, ist es so gut wie unmöglich, sie wieder ganz zum Verschwinden zu bringen. Auch bei noch so kleinen Auslösern wird sie immer wieder gezeigt werden.

2. medizinische Hilfe

Grundsätzlich gibt es die Möglichkeit einer medikamentösen Behandlung. Zur Verfügung stehen trizyklische Antidepressiva wie Clomipramin oder L-Tryptophyn als Serotonin-Vorläufer. Das ist allerdings nicht nur teuer und bisher noch wenig untersucht, sondern das Verhalten tritt auch nach Absetzen der Medikamente sofort wieder auf. Ohne eine wesentliche Verbesserung der Haltungs- und Managementbedingungen also in aller Regel sinnlos.

Außerdem ist es möglich Kopper zu operieren und die nervale Versorgung der Muskeln, die fürs Koppen zuständig sind zu zerstören. Die Erfolgschancen betragen für Aufsetzkopper 85%, für Freikopper 60%.

Leider gibt es immer noch in vielen Pferdeshops den sog. Kopperriemen. Dieser wird wie eine Art Halsband vor dem Kehlkopf des Pferdes sehr eng angelegt, um so eine Anspannung der Halsmuskeln unmöglich bzw. schmerzhaft zu machen.

Wichtig: In Einzelfällen können diese Behandlungen medizinisch indiziert sein, in der Regel ist es aber unbedingt abzulehnen, ein Tier einfach von der Ausübung einer Stereotypie abzuhalten. Man verursacht damit unheimlichen Stress für ein Pferd, das ohnehin schon überfordert ist!

3. Was kann man sonst noch versuchen?

Das sorgfältige Beobachten des eigenen Pferdes kann einem niemand abnehmen. Es kann sehr mühsam sein herauszufinden, was nun genau für dieses Pferd den Stress verursacht. Wer schonmal selbst ein übersensibles nervöses Tier gehabt hat, weiß wie mühsam sich die Ursachensuche und v.a. die Abstellung gestalten kann.

Mentale Beschäftigung ohne im Training Druck zu erzeugen, kann helfen. Außerdem kann durch klassische Homöopathie, die Ttouch-Methode oder auch Feldenkrais-Reiten eine Harmonisierung versucht werden.

Allerdings nocheinmal: Stress kann abgebaut werden, die Stereotypie tritt wahrscheinlich auch seltener auf, aber verschwinden wird sie wahrscheinlich nie mehr vollständig.

Für alle die noch weiter lesen möchten, hier ein Link zur Maturitätsarbeit über “Verbesserunsmöglichkeiten im Umgang mit koppenden Pferden” im Homepage-Format

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